Wasser-Mythen zur Notfallvorsorge — Was stimmt wirklich?
Verbreitete Irrtümer rund um Trinkwasser in der Notfallvorsorge: Mengen, Lagerung und Aufbereitung — wissenschaftlich erklärt.
Reicht ein Liter Wasser pro Person und Tag für den Notfall?
Nein. Diese weit verbreitete Annahme ist gefährlich falsch. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) empfiehlt mindestens 2 Liter Trinkwasser pro Person und Tag — und das nur für Trinken und Kochen unter Ruhebedingungen. In der Realität benötigt ein Mensch erheblich mehr: Körperhygiene, Wundversorgung, das Kochen von Lebensmitteln und das Spülen von Geschirr schlagen schnell mit weiteren 3–5 Litern täglich zu Buche. Bei körperlicher Anstrengung, hohen Temperaturen, Krankheit oder Schwangerschaft steigt der Bedarf nochmals deutlich. Das BBK empfiehlt daher als realistischen Richtwert 2 Liter für 14 Tage, also 28 Liter pro Person. Wer körperlich aktiv ist oder eine größere Familie hat, sollte deutlich mehr einplanen. Der 1-Liter-Mythos stammt vermutlich aus Überlebensratgebern, die nur den minimalen physiologischen Trinkbedarf beziffern — ohne alle anderen Wasseranwendungen einzurechnen.
Kann ich Leitungswasser einfach in PET-Flaschen abfüllen und unbegrenzt lagern?
Nein, Leitungswasser ist nicht unbegrenzt haltbar. Frisch abgefülltes Leitungswasser enthält in Deutschland einen geringen Restchlor-Gehalt, der nach einigen Wochen entweicht. Ohne diesen natürlichen Konservierungsschutz können sich Keime und Algen bilden — besonders wenn die Flaschen Licht ausgesetzt sind oder warme Temperaturen herrschen. Richtig gelagert (dunkel, kühl, ohne Temperaturschwankungen) hält selbst abgefülltes Leitungswasser zwischen 6 und 12 Monaten. PET-Flaschen aus dem Handel sind besser geeignet als alte Saftflaschen oder Milchflaschen, weil sie speziell für Getränke konzipiert sind. HDPE- oder Polycarbonat-Kanister eignen sich ebenfalls gut. Das Wasser sollte mindestens alle 6 Monate ausgetauscht und mit dem Datum der Abfüllung beschriftet werden. Käufliches Mineralwasser in der Originalverpackung ist dagegen deutlich länger haltbar — meist 2 Jahre über das aufgedruckte Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus.
Ist Wasser aus einem Bach oder Teich im Notfall unbedenklich trinkbar?
Nein, Oberflächenwasser aus natürlichen Gewässern in Deutschland ist ohne Aufbereitung nicht trinkbar. Es enthält häufig Bakterien wie Campylobacter oder E. coli, Parasiten wie Giardien oder Cryptosporidien sowie im ländlichen Raum Pestizide und Düngemittelrückstände. Auch optisch klares Wasser kann stark mit Keimen belastet sein. Zur Aufbereitung gibt es verschiedene Methoden: Abkochen (mindestens 1 Minute sprudelnd, bei über 1000 m Höhe 3 Minuten) tötet alle biologischen Erreger ab, entfernt aber keine chemischen Verunreinigungen. Wasserfilter mit Aktivkohle und Mikrofilter können biologische Erreger und viele Schadstoffe entfernen — wichtig ist, dass der Filter für Trinkwasseraufbereitung zertifiziert ist. Chlortabletten töten Bakterien und Viren ab, wirken aber nicht gegen alle Parasiten. Im Idealfall kombiniert man Filtern und Chlorierung. Für den Notfallvorrat empfiehlt sich die Anschaffung eines zertifizierten Trinkwasserfilters (z.B. LifeStraw, Sawyer, oder vergleichbare Systeme).
Genügt es, nur Wasser für mich selbst zu bevorraten?
Nein. In der Notfallplanung wird oft vergessen, dass zum Haushalt mehr gehört als nur die Menschen. Haustiere benötigen täglich Wasser: ein mittelgroßer Hund etwa 0,5–1 Liter täglich, eine Katze etwa 0,2–0,4 Liter. Wer Kleintiere, Vögel oder Fische hält, muss auch deren Bedarf einrechnen. Darüber hinaus brauchen bestimmte Medikamente oder medizinische Geräte (z.B. Inhalatoren, Dialyseequipment) sauberes Wasser für die Anwendung. Auch das Spülen von Wunden oder das Reinigen medizinischer Utensilien verbraucht Wasser. Rechnen Sie deshalb für jeden Haushalt individuell: Personen, Tiere, medizinische Bedarfe. Eine Familie mit zwei Kindern, einem Hund und einer Person mit chronischer Erkrankung benötigt täglich leicht das Drei- bis Vierfache des Minimalbedarfs. Planen Sie großzügig — überschüssiges Wasser lässt sich regelmäßig erneuern, ein Mangel im Notfall dagegen kann lebensbedrohlich sein.
Ist stilles Mineralwasser besser als Leitungswasser für den Notfallvorrat?
Nicht unbedingt besser, aber praktischer. Deutsches Leitungswasser ist in der Qualität hervorragend und wird strenger kontrolliert als Mineralwasser — das Trinkwasserrecht (TrinkwV) ist das strengste Lebensmittelrecht in Deutschland. Leitungswasser hat jedoch den Nachteil, dass es nach dem Abfüllen in offene Behälter schneller keimt als industriell abgefülltes Mineralwasser in versiegelten Flaschen. Industriell abgefülltes Mineralwasser in Original-PET-Flaschen hat durch die sterile Abfüllung und das intakte Siegel eine deutlich längere Lagerdauer (meist 2 Jahre). Praktisch ist es auch: Beim nächsten Einkauf einfach ein Paket mehr kaufen und das älteste zuerst verbrauchen (FIFO-Prinzip). Stillem Wasser ist der Vorzug zu geben, da Kohlensäure PET-Flaschen langfristig angreift und die Lagerdauer verkürzt. Wer sparsam vorgehen will, kann Leitungswasser selbst abfüllen — muss es dann aber alle 6 Monate erneuern und sorgfältig beschriften.